Von „schieren“ Grünstreifen und gut betuchten Damen

Podiumsdiskussion zum Thema „Glyphosat – und was kommt danach?“ in Aurich

Hinweis: In diesem Artikel wird von „Landwirten“ gesprochen, gemeint ist aber stets auch die weibliche Form.
 
„Thema verfehlt! Setzen, sechs!“ – so oder so ähnlich mag es einigen von Ihnen vielleicht noch aus der Schule bekannt sein, und so würde ich die Veranstaltung bewerten.
 
Wir schreiben den 7. Mai 2018, Familienzentrum Aurich in der Jahnstraße. Es war ein Vorsommerabend wie aus dem Bilderbuch. Beste Gelegenheit also, sich auf eine warmherzige Diskussion zum Thema Glyphosat einzulassen. Mit dabei an diesem Abend waren die „üblichen Verdächtigen“ der Politik, Vertreter aus der Landwirtschaft, interessierte Bürger und natürlich einer von uns Friesen.
 

Herrlichstes Wetter im Familienzentrum Aurich zur Podiumsdiskussion

Der BUND verkündet schlechte und gute Nachrichten

Zunächst eröffnete Rolf Runge, Vorsitzender des BUND Regionalverbands Ostfriesland, die Einleitungsrunde. Der BUND setzt sich schon seit langer Zeit für ein Glyphosat-Verbot ein und hat dazu bereits viele Veranstaltungen abgehalten und besucht. Wie auch „Die Friesen“ sind sie auf der „Grünen Woche“ (wir berichteten) in Berlin vertreten gewesen. Aktuelle Studien und Berichte zum Thema Insektensterben sind ein Grund für die aktuelle Intensivierung der Diskussion um Glyphosat. Herr Runge stellte die grundsätzliche Frage, wie sich die Landwirtschaft entwickeln soll. Er verwies dabei auch auf die gesundheitlichen Schäden in Form von Missbildungen bei Menschen, wie sie in Südamerika auftreten – mit dem Zusatz, dass dort eine falsche Anwendung (zu hoch dosiert, zu häufig) von Glyphosat Hauptverursacher eben dieser sind. Das Bienensterben lässt sich ebenfalls, wenn auch indirekt, auf den Einsatz von Glyphosat zurückführen. Werden alle Unkräuter und ungewünschte Pflanzen totgespritzt, bleibt keine Möglichkeit für Wildbienen, Nektar zu sammeln. Es gibt bekanntermaßen Alternativen zum Einsatz von Glyphosat – mechanische Verfahren oder „Fruchtfolge“ zum Beispiel.
 
Die gute Nachricht: nach Aussage von Herrn Runge hatte sich ganz aktuell der Rat der Stadt Norden für ein Verbot von Glyphosat auf öffentlichen Flächen entschieden. Dies sind erfreuliche Nachrichten. Schon bald wird Norden also auf der interaktiven Karte des BUND über pestizidfreie Kommunen zu finden sein (Quelle 1).
 

Die CDU war dabei

Beate Eggers vom CDU-Kreisverband Aurich betonte, dass sie die Argumente der Landwirte generell nachvollziehen kann. Sie stehen unter großem wirtschaftlichen Druck. Dabei verwies sie auf den Koalitionsvertrag, nach dem Glyphosat verboten werden soll. Doch wie auch bei der CDU Bundeslandwirtschaftsministerin (Quelle 2) geht das „Ja“ zum Glyphosat Verbot mit einem großen „aber“ einher. Frau Eggers betont, dass ein Glyphosat Verbot nur dann Sinn macht, wenn auch die Nachbarländer (Niederlande, Belgien, …) mitmachen. Ein erster Schritt sei durch Frankreich gemacht worden, das im letzten Jahr ein Glyphosat Verbot bis 2022 in Aussicht stellte (Quelle 3). Viel wichtiger sei, dass mehr Transparenz für die Bevölkerung geschaffen werden müsse, welche Mengen Glyphosat tatsächlich für Menschen gefährlich sind. Sie konnte keine Zahlen nennen. Leider konnte ich während der Diskussion an dieser Stelle nicht das Ergebnis meiner ca. 3,5 Sekunden dauernden Google-Suche präsentieren. Darum möchte ich es hier nachholen. Zum Beispiel der Spiegel hat, wie viele andere Medien auch, dazu schon einmal berichtet (Quelle 4).
 
Doch auch hier gibt es erfreuliche Nachrichten: Aurich verwendet schon seit vielen Jahren kein Glyphosat auf öffentlichen Flächen.
 

Auch die SPD beteiligte sich

Steffen Haake, SPD-Ortsvereinsvorsitzender Aurich-Upstalsboom, betonte, dass die SPD den Antrag in Aurich nach Vorlage des Antrags vom BUND zum Glyphosat Verbot gestellt hatte (Ich dachte, Aurich sei sowieso schon seit Jahren „Glyphosat-frei“?). Danach kritisierte er Christian Schmidt, dessen … *hüstl* eigenwillige Handlungsweise uns noch sehr bekannt ist (Quelle 5). Auch die schon erwähnte Bundeslandwirtschaftsministerin Klöckner bekam heute leider keine Rose.
 

Dann wurde es grün

Gila Altmann kritisierte die Tatsache, dass die Öffentlichkeit die Schädlichkeit von Glyphosat beweisen muss und es nicht den Agrarkonzernen obliegt, die Unschädlichkeit zu beweisen. Auch die große Koalition geriet mit ihrer „schwammigen Formulierung“ zum Glyphosat Verbot ins Visier des Politik-Urgesteins. Sie forderte, dass sich nicht nur einzelne Kommunen dem Glyphosat Verbot anschließen, sondern auch die Landkreise. Es ist nach ihrer Aussage nicht bekannt, wie viel Glyphosat ausgebracht wird. Dabei spricht sie explizit auch den Verbrauch bei der Bahn und bei privaten Haushalten an. (Hmm … Also ich habe schon mal Zahlen gelesen. Darum möchte ich auch hier nachträglich mit einer schnellen Google-Suche aushelfen: Quelle 6 für die Bahn und Quelle 7 für private Haushalte).
 

Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft

Ottmar Ilchmann, Landesvorsitzender des AbL Niedersachsen, berichtete, dass die AbL generell für einen „Glyphosat-Ausstieg“ ist, die Landwirte jedoch Zeit brauchen. Dies ist nachzuvollziehen, da ein Hof nicht von jetzt auf gleich umstellen kann. Er sieht nicht nur die Landwirte in der Schuld zur aktuellen Lage, sondern verweist auch ganz klar auf die Versäumnisse in der Politik. Es wurden einfach die falschen Weichen gestellt. Nicht jeder Landwirt kann nach seiner Aussage in der jetzigen (finanziellen) Situation auf alternative Methoden umstellen, selbst wenn er es gerne würde. Die Gesellschaft müsse diesen Wandel mittragen, der auch in höheren Preisen für Lebensmittel resultieren würde. Zudem hält Herr Ilchmann es für sinnvoll, dass es mehr Abstufungen hinsichtlich der Kategorisierung von Lebensmittel geben sollte, also nicht nur konventionell oder „bio“.
 
Zu diesem Zeitpunkt schien die Diskussion in Themenbereiche der EU-Agrarpolitik abzudriften, was jedoch von der Moderatorin der Veranstaltung gekonnt wieder „eingefangen“ wurde, um die Diskussion auf den Raum Ostfriesland zu fokussieren. Herr Ilchmann sprach auch auf die Aussagen von Herrn Runge an, dass viele Seitenstreifen und Verkehrsinseln von den Gemeinden viel zu häufig gemäht werden würden und somit auch ein großer Lebensbereich für Insekten verloren geht. Es müsse nicht immer alles „schier“ aussehen – plattdeutsch für „schön“ oder „akkurat“.
 

Dann folgte die Diskussion

Nach diesen Eröffnungsstatements hatte das anwesende Publikum die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Sofort entbrannte eine emotionale Diskussion mit den gängigen Aussagen zum Insektensterben und der Schädlichkeit von Glyphosat für den Menschen, was grundsätzlich interessant zu verfolgen ist aber dem eigentlichen Zweck der Veranstaltung – nämlich zu klären, was nach Glyphosat kommt – nicht unbedingt dienlich war. Diese Situation nutzte ich, um genau diesen Punkt anzusprechen und eine Frage zu stellen. Natürlich sind Die Friesen für ein Glyphosat Verbot und das so schnell wie möglich. Doch wir dürfen an dieser Stelle einen ganz wichtigen Punkt nicht vergessen.
 

Das Problem mit den Resistenzen

Seit einigen Jahren entwickeln sich Resistenzen gegen Glyphosat in Unkräutern. Im Jahre 1956 konstatierte John Harper, ein britischer Biologe, folgendes: „The most effective intensity of selection is that which reduces a population to a small resistant residue which is capable of rapid reproduction“ (Quelle 8). Die effektivste Form der Selektion ist die, die eine Population auf eine kleine, resistente Gruppe reduziert, welche sich sehr schnell reproduzieren kann. Sie ist also eine natürliche Antwort auf den Einsatz von Glyphosat. Die Natur zeichnet sich dadurch aus, dass sie ständig Mutationen in bestehenden Organismen hervorbringt. Sie experimentiert. Manchmal sind diese Mutationen nachteilig, sodass sie keinen Fortbestand haben. Manchmal sind sie jedoch für eine Pflanze von Vorteil. Und genau das ist im Fall von Glyphosat geschehen.
 

Jetzt wird es etwas detaillierter

Da einzelne, resistente Unkrautpflanzen nun nicht mehr durch die Behandlung mit Glyphosat sterben, können sie sich ungehindert vermehren. Dies ist die stärkste Form der Selektion, die angewendet werden kann. Mitte 2017 waren etwa 37 resistente Unkrautsorten bekannt. Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 2 weitere Sorten pro Jahr eine Resistenz gegenüber Glyphosat entwickeln (Quelle 9). Dadurch müssen noch mehr Gifte gespritzt werden.
 
Natürlich hat die Industrie das Problem der zunehmenden Resistenzen schon lange erkannt. Es werden neue Produkte entwickelt, die sich nicht mehr auf Glyphosat als einzigen Wirkstoff beschränken. Diese neue Generation verwendet Auxin, 2,4-Dichlorphenoxyessigsäure und Dicamba, schon früher eingesetzte Herbizide aber durch den technologischen Fortschritt mit neuen Zusatzstoffen und neuen Formulationen zu neuem Leben erweckt. Moderne Dicamba Formulationen sind sehr flüchtig (Quelle 10), was ein großes Problem darstellt. Und auch gegen diese Pestizide werden die Unkräuter Resistenzen entwickeln. John Harper lässt grüßen.
 

Kein Ende in Hamsterrad

Ein Glyphosat Verbot ist also eine kurzfristige Maßnahme, die Belastung mit Pestiziden zu verringern. Doch werden wir, wenn es soweit ist, dann wieder jahrelang über ein Verbot von „Produkt XY“ – dem Nachfolger von Glyphosat – diskutieren müssen? Und was kommt dann? Es ist ein Hamsterrad. Langfristig müssen Verfahren angewendet werden, die den Einsatz von Herbiziden nicht benötigen. Es gibt sie, die Landwirte haben das Wissen, wie so etwas umsetzbar ist. Dies wurde auch in der Diskussion deutlich.
 
Um auf meine Frage zurück zu kommen, welche Maßnahmen die etablierten Parteien denn nun planen, um das Problem der Resistenzen in den Griff zu bekommen (also ob z.B. langfristig auch Verbote anderer Herbizide geplant sind), bekam ich keine Antwort. Und das verblüfte mich dann doch sehr, denn immerhin war es das eigentliche Thema der Veranstaltung. Also: Thema verfehlt.
 
Dabei liegt es doch auf der Hand, dass man mit den Landwirten ins Gespräch kommen muss. Anstatt den Landwirten also immer neue Verbote „von oben“ aufzudrücken, wäre ein Gespräch mit den Landwirten, was wir als Verbraucher tun können, viel sinnvoller. Und dazu gehört in erster Linie natürlich auch, die regionale Landwirtschaft zu unterstützen und die Lebensmittel mehr wertzuschätzen. Wir als Verbraucher müssen akzeptieren, dass Essen ohne Gifte mehr Geld kostet. Ich jedenfalls stelle mir an dieser Stelle immer die Frage, was nützt denn schon ein gut gefülltes Bankkonto (angespart durch billige Lebensmittel), wenn die Gesundheit darunter leidet. Völlig klar ist auch, dass es viele Menschen gibt, deren finanzielle Situation angespannt ist. Doch auch hier lassen sich Wege finden, wie jeder gesundes Essen beziehen kann.
 
Achso, ich habe ja noch eine Frage gestellt. Warum die Politik denn bisher nichts unternommen hat? Da wurde ich heftig (insbesondere von den Grünen) unterbrochen, dass ja bereits sehr viele Dinge passiert sind und Arbeitskreise gebildet wurden und Projekte umgesetzt und und und … Mag sein, aber alles nur Theorie. Die Diskussion um Glyphosat ist nicht neu und noch immer haben wir es auf den Äckern.
 

Jetzt zu den Damen

Ein Landwirt berichtete von einem seiner jüngsten Erlebnisse. In einem Fachhandel für Landbedarf traf er auf zwei augenscheinlich gut betuchte Damen, die sich für den Kauf eines Glyphosat-haltigen Produkts „für die heimische Auffahrt“ entschieden haben. Sie sei danach 6 Wochen Unkrautfrei. Absolut grandios. Dieses vielleicht amüsierende Beispiel zeigt aber ein großes Problem in der Öffentlichkeit auf. Vielen Menschen (private Haushalte), die Glyphosat Formulationen verwenden, wissen vermutlich nicht einmal um die Schädlichkeit der Chemikalie. Und die, die es wissen, denen ist es vielleicht egal. Man hört in diesem Zusammenhang immer die Worte “Es ist doch frei verkäuflich, also ist es nicht schädlich?”. Und das ist schlicht und einfach falsch. Natürlich können auch frei verkäufliche Waren extrem giftig sein. Oder würden Sie freiwillig einen Schluck aus der Zapfpistole an einer Tankstelle nehmen?
 
Es ist ja auch so schön bequem, man muss nicht auf Knien kriechen und alles Unkraut rauskratzen. Nur der Umweltschaden, der damit angerichtet wird, der wird dann spätestens für die Enkelkinder nicht mehr so bequem sein. Allgemein wurde die Aufforderung an die Politik laut, dass Glyphosat-haltige Mittel für den privaten Haushalt ohne Sachkundenachweiß verboten werden müssen. Da wir Friesen sowieso für ein generelles Verbot von Glyphosat sind, wären die privaten Haushalte natürlich eingeschlossen.
 

Fast geschafft

Abschließen möchte ich, angestachelt von den Aussagen um die angeblich vielen tollen und effektiven Maßnahmen, mit einem Buchtipp. Gunter Dueck ist Mathematiker, Autor einiger grandioser Bücher und ein wahnsinnig guter Redner (Schauen Sie auf YouTube nach). Er schrieb das Buch „Schwarmdumm – So blöd sind wir nur gemeinsam (ISBN 978-3-593-50217-5)“, in dem er unter anderem von Menschen berichtet, die für sich alleine genommen sehr intelligent sind. „Sperrt“ man sie aber in einen Raum und sagt „wir machen jetzt ein Meeting (oder auch Arbeitskreis)“, dann kommen die wahnwitzigsten Ergebnisse dabei raus, sodass man nur die Hände über den Kopf zusammenschlagen kann. Und nüchtern betrachtet ist man eher einen Schritt zurück als vorwärts gegangen (wer es schon gelesen hat – ich erinnere an das Beispiel mit der Weihnachtsfeier).
 

Kurz- und Zusammenfassung

Die Podiumsdiskussion am 7. Mai 2018 zum Thema „Glyphosat – und was kommt danach?“ war ein Forum für Vertreter aus Politik, Landwirtschaft, dem BUND und interessierten Bürgern, um sich über den Einsatz von Glyphosat in der Landwirtschaft, in privaten und öffentlichen Haushalten, sowie bei der Bahn auszutauschen. Eine Antwort auf die Frage, was denn nach Glyphosat kommen soll, blieb die Politik den Anwesenden schuldig. Die Landwirte berichteten aus der Praxis, was eindeutig den interessantesten Teil des Abends ausmachte.
 
Wir Friesen sind für ein generelles Verbot von Glyphosat, das auch private Haushalte einschließt. Gleichzeitig fordern wir einen Dialog zwischen Landwirten, Politik und Verbrauchern, wie auf alternative Methoden in der Landwirtschaft umgestiegen werden kann. Hier ist Aufklärung der Verbraucher ein wichtiges Stichwort.
 
Langfristig entkommt man dem Hamsterrad aus „Neues Herbizid – Verbot“ nur dann, wenn man sich vom Einsatz von Herbiziden abwendet. Dafür müssen wir Verbraucher akzeptieren, dass gesunde Lebensmittel tendenziell teurer sind.
 

Quellen

  1. BUND – Pestizidfreie Kommunen
  2. Süddeutsche – Klöckner stellt Glyphosatverbot in Frage
  3. ZEIT- Frankreich verbietet Glyphosat
  4. Spiegel – Glyphosat im Urin
  5. ZEIT – Christian Schmidt’s Alleingang
  6. Handelsblatt – Bahn als größter Einzelverbraucher von Glyphosat
  7. Umweltinstitut – Glyphosat im Privateinsatz
  8. J. L. HARPER, “STUDIES IN SEED AND SEEDLING MORTALITY. V. DIRECT AND INDIRECT INFLUENCES OF LOW TEMPERATURES ON THE MORTALITY OF MAIZE,” New Phytol., vol. 55, no. 1, pp. 35–44, Jan. 1956.
  9. S. O. Duke, “The history and current status of glyphosate,” Pest Manag. Sci., no. June, 2017.
  10. D. A. Mortensen, J. F. Egan, B. D. Maxwell, M. R. Ryan, and R. G. Smith, “Navigating a Critical Juncture for Sustainable Weed Management,” Bioscience, vol. 62, no. 1, pp. 75–84, Jan. 2012.
2 Kommentare