Exxon Mobil baut vierten Turm

Proteste gegen neue Erdgasförderanlage in der Krummhörn

 
Wenig Zeit? Am Ende des Artikels gibt es eine Zusammenfassung.
 

Wohlfühlatmosphäre

Am 14.3.2018 war es wieder einmal so weit. Eine Delegation eines international agierenden Schwergewichts der Mineralölwirtschft trat die Reise nach Ostfriesland, diesmal in die Krummhörn nach Pewsum, an, um der hiesigen Bevölkerung ganz stolz von ihrem neusten Geniestreich zu berichten. Was hatte Exxon Mobil nur für eine wunderbare Botschaft im Gepäck? Aufgefahren wurden allerhand Leckereien und auch mit alkoholfreien Getränken mochte man sich die Gunst des staunenden Publikums zu erhaschen versuchen. Bunte Plakate, allerlei Material zum Anfassen, so viele kluge Köpfe, dass einem fast schwindelig werden konnte und dazu eine warmherzige Empfangskultur, die zu einem netten Plausch einlud und so gar nicht den Charakter eines „Wir-stehen-hier-vorne-und-schaufeln-euch-Infos-in-den-Hals“ repräsentierte. Gekonnt wurde durch das Schauspiel geleitet. Eine richtige Wohlfühlatmosphäre umgab die Herzen der aufmerksamen Besucher. Hätte die Thematik des Abends ein edles Ziel verfolgt, so könne man über eine wahrhaft wundervolle Zeit resümieren.

Infoveranstaltung Exxon Mobil in Pewsum am 14.3.2018. Auf dem Bild v.l.n.r.: Hans-Hermann Nack (Exxon Mobil), Bürgermeister Frank Baumann und Dr. Torsten Hinz (Exxon Mobil). Bild: Gaidies

 

Die Versorgungssicherheit … der eigenen Kasse

Doch leider ging es nicht um edle Ziele. Im Gegenteil. Exxon Mobil brachte das Wort Versorgungssicherheit ins Spiel. Dies war ein ganz subtiler Marketing Trick, mit dem versucht wurde, die Existenzängste der Besucher zu wecken. Vor ihren Augen sollte das Wort Versorgungsknappheit auftauchen. Geschickt wurde auf einer Seite der Präsentation der Spruch „Versorgungssicherheit beginnt vor Ort!!!“ aufgeführt. Diese Aussage sollte den Anschein erwecken, dass das aus der neuen Anlage Greetsiel Süd Z1 geförderte Erdgas auch tatsächlich dringend vor Ort gebraucht wird (drei Ausrufezeichen). Schauen wir uns aber mal die Zahlen des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie zum Thema Erdgasversorgung in Deutschland an (Quelle 1, die Quellen finden sie ganz am Ende des Artikels). Dort ist zu lesen, dass der Gasbedarf in Deutschland im Jahre 2016 bei ca. 95 Milliarden m3 lag und zu minimalen 6% aus binnenländischen Gasvorkommen gedeckt wurde. Ganze 94% wurden also durch Importe aus dem Ausland gedeckt. Und da soll dieser eine Turm Versorgungssicherheit bringen? Es ist wohl viel wahrscheinlicher, dass die Versorgungssicherheit in Deutschland durch den Importmix erreicht wird.
 

Aber rechnen wir einmal nach

Während der einleitenden Präsentation wurde gezeigt, dass die bestehenden drei Bohrungen Greetsiel Z1, Greetsiel West Z1 und Uttum Z1 seit 1970 etwa 4 Milliarden m3 Erdgas gefördert haben. Auf jeder der drei Anlagen wurde im Schnitt also etwa 1,33 Milliarden m3 seit Beginn gefördert. Sind wir großzügig und sagen, dass diese Anlagen etwa seit 50 Jahre in Betrieb sind, liegt die jährliche Fördermenge pro Anlage bei etwa 26,6 Millionen m3 Erdgas. Gehen wir davon aus, dass auch die neue Anlage eine ähnliche Fördermenge hat, so lässt sich mit dem Bedarf (wohlgemerkt aus 2016) errechnen, dass diese neue Anlage beachtliche 0,028% des Gesamtbedarfs in Deutschland decken würde. Das ist mal eine eindrucksvolle Versorgungssicherheit.


Quelle: Exxon Mobil Produktion Deutschland GmbH, Öffentliche Präsentation Inforveranstaltung Pewsum 14.3.2018. Bilder: Wilts

 

Einfach mal wackeln

Schauen wir einmal in die Niederlande, auch hier ist Exxon Mobil sehr aktiv. Die Geschichte der Förderung des Groninger Gasfelds, das EU-weit größte seiner Art, reicht bis in die 50er Jahre des vergangenen Jahrtausends zurück. Atemberaubende 21,6 Milliarden m^3 Erdgas wurden dort zuletzt jährlich gefördert. Das blieb natürlich nicht ohne Auswirkungen auf die Umwelt. In der Presse finden sich seit Jahren immer wieder Berichte von Erdbeben in dieser Region.
 
Grad zu Anfang des Jahres 2018 gab es ein Beben der Stärke 3,4 in der Provinz Groningen. Die niederländische Behörde für Bergbausicherheit hat daraufhin die Regierung aufgefordert, die Fördermenge um fast die Hälfte zu reduzieren, da sie einen Zusammenhang zwischen Förderung und Erdbeben sieht (Quelle 4). Die Förderung wurde 2012 schon einmal mehr als halbiert, doch die Erde bebte weiter (Quelle 12). Kritiker behaupten, dass auch die jetzt geforderte Halbierung nicht ausreichen wird, damit sich die Erde beruhigt.
 
Bereits im September 2015 wurde auch von der deutschen Bundesregierung bestätigt, dass der Zusammenhang zwischen Erdgasförderung und Erdbeben sehr wahrscheinlich ist (Quelle 5). Dies bestätigen auch die Berichte des Landesamts für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG). Dort steht schwarz auf weiß, dass Erdbeben sehr wahrscheinlich auf die Förderung von Erdgas zurückzuführen sind (Quelle 6). Selbst NAM, das Gemeinschaftsunternehmen von Exxon Mobil und Shell, welches das Groninger Gasfeld in den Niederlanden fördert, hat 2015 zugegeben, dass Erdbeben durch die Gasförderung verursacht werden (Quelle 7).
 

Wer soll das bezahlen, wer hat so viel Geld?

Trotz der Einsicht versucht sich das Unternehmen vor seiner Verantwortung zu drücken und kommt nur minimal für die entstandenen Schäden durch Erdbeben an den Häusern in der Erdbebenregion auf (Quelle 7). Allein beim letzten Beben Anfang 2018 wurden 900 Häuser beschädigt (Quelle 4). Geht man von ca. 100.000 Euro Reparaturkosten für ein durch Erdbeben beschädigtes Haus aus, so ist es vollkommen verständlich, dass die Verantwortlichen sich davor drücken wollen. Denn 900.000.000 Euro Schadensersatz würden sich bei einem Jahresgewinn von knapp 7,8 Milliarden US-Dollar (2016) überhaupt nicht gut machen (Quelle 8). Die Lösung von Unternehmensseite – man steckt die Menschen einfach in Container (Quelle 24). Vom Hofherr zum Container-König. Was für eine wundervolle Perspektive für die Menschen in den Niederlanden.
 
Seit mehr als 2500 Jahren siedeln Menschen in der Region um Groningen und es hat nie Erbeben gegeben. Eine Studie der Universität Delft zeigt, dass die Menschen ihre Häuser nicht erdbebensicher gebaut haben und deswegen ca. 90000 Häuser gefährdet sind. Mehr als 50000 Meldungen über Schäden gibt es bereits (Quelle 9). Schauen Sie sich in diesem Artikel auch einmal die Bilder an, wie die Schäden an den Häusern der betroffenen Menschen aussehen. Den Bauunternehmen, die erdbebensichere Gebäude bauen können, stehen also goldene Zeiten bevor. Schäden sind nicht nur durch Erdbeben, sondern auch durch großflächige Absenkungen des Fördergebiets in den Niederlanden zu erwarten. Bereits 2011 bestätigte das niedersächsische Wirtschaftsministerium, dass diese Absenkungen in den Niederlanden so weitreichend sind, dass auch das Gebiet Rysumer Nacken um bis zu 25 cm absinken wird (Quelle 19 und 23). Auch gibt es schon ganz konkret Meldungen, dass das Wattenmeer abgesackt ist – zum Beispiel bei der wunderschönen westfriesischen Insel Ameland (Quelle 22). Und dass die Deiche auch Schäden nehmen, ist schon lange bekannt (Quelle 25).
 
Bei all den Zahlen vergisst man aber häufig auch, dass ein finanzieller Schaden immer behoben werden kann. Der ideelle Wert dagegen ist unbezahlbar. Für viele Menschen ist ihr Haus nicht nur eine Altersvorsorge, sondern auch der Ort, an dem ihre Familie wächst – ein Zufluchtsort. Viele Erinnerungen hängen daran. Doch die gehen verloren, wenn das Haus abgerissen werden muss. Das gilt sowohl für Menschen in den Niederlanden, als auch für viele junge Familien in Ostfriesland, die, bedingt durch die günstige Kreditlage, gerade ein Haus gebaut oder gekauft haben und am Anfang ihrer Existenz stehen.
 

Zurück in Ostfriesland

Exxon Mobil betont, dass Fracking, also die unkonventionelle Förderung von Erdgas, in der Krummhörn nicht angewendet wird. Die konventionelle Erdgasförderung biete aber genauso Risiken für die Menschen und die Umwelt. Und dass es aber nicht immer bei der konventionellen Förderung bleiben soll, zeigt die allgemeine Haltung des Konzerns, wie sie im Juli 2017 kundgegeben wurde. Deutschland solle seine Chance nutzen, durch Fracking unabhängiger von Importen zu werden (Quelle 10). Dafür werde auch in Zukunft geworben – und das bestimmt nicht nur mit Schnittchen und Freigetränken, wie in Pewsum. Exxon Mobil könne sich auch noch darauf berufen, dass nun angeblich ungefährliche Frackingfluide entwickelt wurden (Quelle 11). Brechen wir nun also in eine Zeit des Bio-Frackings auf? Wohl kaum. Mag das Experiment unter Laborbedingungen funktionieren, so ist nicht abzusehen, wie das Gesamtsystem tief unten in der Erde auf solch eine biologische Veränderung reagieren wird. Eine ganzheitliche Betrachtung ist kaum möglich und von Unternehmensseite auch nicht gewollt.
 

Tourismus

Zahlen aus dem Jahre 2015 zeigen, dass der Tourismus in Ostfriesland ein wesentlicher Pfeiler der Wirtschaft ist. 2,9 Milliarden Euro Umsatz, 50000 Arbeitsplätze (Quelle 13). Diese Zahlen sind drei Jahre alt, da hat sich vermutlich nach oben noch etwas getan. Die Frage ist: Können diese Zahlen auch in Zukunft noch erreicht werden, wenn durch mögliche Erdbeben, verursacht durch zunehmende Förderaktivitäten, ganze Siedlungen unbewohnbar werden? Ist eine Urlaubsregion dann noch attraktiv, wenn man überall von Ruinen und verlorengegangenen Existenzen begleitet wird? Das Angebot und die Attraktivität für Besucher würde unter verstärkten Förderaktivitäten leiden. Zudem kommen viele Menschen aus anderen Regionen Deutschlands, die in Ostfriesland ihren Lebensabend verbringen möchten, verständlicherweise nicht mehr hier her.
 

Grundwasser

Von Unternehmensseite konnte während der Veranstaltung nicht erklärt werden, wie die bei der Bohrung anfallenden Abwässer entsorgt werden. Sie werden an ein Entsorgungsunternehmen abgegeben – aus den Augen, aus dem Sinn. Diese Abwässer sind in der Regel mit Betonit und verschiedenen Hilfsmitteln belastet. Sie können nicht in kommunalen Kläranlagen entsorgt werden. Die Behandlung ist sehr aufwendig (Quelle 14). Diese auch Lagerstättenwasser genannten Abwässer sind durch ihre unterschiedliche Zusammensetzung teilweise radioaktiv und quecksilberhaltig (Quelle 15). Auch wenn Exxon Mobil immer wieder betont, dass die Förderung in Tiefen stattfindet, die durch verschiedene Erdschichten vom Grundwasser getrennt sind, so führt die Bohrung trotzdem durch grundwasserführende Schichten. Und damit besteht eine unmittelbare Gefahr für das Grundwasser, sollten die Betonwände der Bohrung porös werden oder sogar reißen. Dies wird auch vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit bestätigt (Quelle 16). Und tatsächlich sind auch Fälle von massiven Umweltverschmutzungen durch Unfälle bekannt (Quelle 17). Ganz klar kann es auch bei der Verladung dieser Abwässer, wenn sie mit Tanklastwagen abtransportiert werden, zu Unfällen kommen. Neben Erdbeben droht also auch die Verschmutzung des Grundwassers. Natürlich wird von Exxon Mobil betont, dass es bisher keine Unfälle an den bestehenden Bohrungen in der Krummhörn gab – und wir hoffen, dass das auch der Wahrheit entspricht. Aber jede weitere Bohrung erhöht die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls, sodass es nicht eine Frage des ob, sondern des wann ist.
 

Umwelt

Nicht einmal 15 km Luftlinie trennt die neue Bohrung vom Nationalpark Wattenmeer. Ein Nationalpark genießt den höchsten Schutzstatus, der nach nationalem Naturschutzrecht möglich ist. Außerdem ist das Wattenmeer Teil des europäischen Natura 2000 Schutzgebietes, welches Schutzräume für die Fauna und Flora bietet (Quelle 21). Die UNESCO hat das Wattenmeer 2009 zum Welterbe ernannt (Quelle 20). Unbestreitbar handelt es sich hierbei also um ein sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene anerkanntes, besonderes Gebiet, das der Natur einen Rückzugsort bietet. Exxon Mobil nimmt die potenzielle Zerstörung dieser einzigartigen Landschaft durch verstärkte Förderaktivitäten billigend in Kauf.
 

Fazit

Wir Friesen verurteilen das Vorgehen von Exxon Mobil bezüglich der neuen Bohrung Greetsiel Süd Z1. Die Menschen und die Natur in der Region profitieren nicht von ihrem Handeln. Im Gegenteil. Sie gefährden die Existenz der Menschen, das Wohlergehen eines international anerkannten Naturschutzgebietes und riskieren auch den Zusammenbruch einer der wichtigsten Wirtschaftszweige der Region. Für dieses rücksichtslose Verhalten werden sie alle zur Rechenschaft gezogen – vielleicht nicht von Regierungsseiten. Aber ihrem Gewissen werden sie nicht entkommen.
 

Zusammenfassung

Am 14.3.2018 hat Exxon Mobil in Pewsum eine Infoveranstaltung zu der neuen Erdgasförderstätte Greetsiel Süd Z1 angeboten. Wir Friesen haben lautstark gegen dieses Vorgehen protestiert und auf die Gefahren der Erdgasförderung hingewiesen. Exxon Mobil erhöht mit seiner neuen Förderanlage die Wahrscheinlichkeit, dass die Region durch Erdbeben erschüttert wird. Auch die potenzielle Verschmutzung des Grundwassers wird ausgeblendet. Wohlwissend, dass der Nationalpark Wattenmeer, ein UNESCO Welterbe, nur wenige Kilometer entfernt ist. Dies bedeutet nicht nur eine erhöhte Gesundheitsgefahr und die Bedrohung der Existenz für die hier lebenden Menschen, sondern auch die bereitwillige Zerstörung der Tourismusbranche der Region, die vom Nationalpark Wattenmeer abhängig ist. Nähere Informationen dazu finden Sie im vollständigen Artikel.
 
Wir Friesen verurteilen das Vorgehen von Exxon Mobil hinsichtlich der neuen Erdgasförderanlage Greetsiel Süd Z1.
 
 

Quellen

  1. BMWI – Erdgasversorgung in Deutschland
  2. NABU – Risiken beim Fracking
  3. Google Scholar – Fracking Accidents
  4. Deutsche Wirtschafts Nachrichten – Niederländer drosseln Förderung
  5. BMWI – Parlamentarische Anfrage Fraktion Die LINKE September 2015
  6. LBEG – Aktuelle Erdbeben
  7. Bayrischer Rundfunk – Erdbeben durch Gasförderung
  8. Wikipedia – Exxon Mobil
  9. Welt – Gasförderung löst Erdbeben aus
  10. Wirtschafts Woche – Mehr Gas fördern – aber wie?
  11. Neue Rhein/Neue Ruhr Zeitung – Exxon Mobil will Gas ohne Gift fördern
  12. Uni Münster – Starkes Erdbeben erschüttert Groningen
  13. Ostfriesen Zeitung – IHK – Nicht auf guten Zahlen ausruhen (Tourismus 2015)
  14. Gregor Silvers – Verfahren zur Aufbereitung von Bohrschlämmen
  15. MW – Entsorgung von Lagerstättenwasser bei der Förderung von Erdgas und Erdöl
  16. BMUB – Fracking – Risiken für Umwelt
  17. gegen-gasbohrend.de – Vorfälle in Deutschland
  18. Welt – Dreht das Gas zu – Niederländern sackt der Boden weg
  19. Emden1.de – Erdgasförderung in Groningen senkt die Knock ab
  20. Nationalpark Wattenmeer – Weltnaturerbe
  21. Nationalpark Wattenmeer – Weltnaturerbe Wattenmeer
  22. DGS Magazin für Geflügelwirtschaft – Wattflächen weg
  23. energie-experten.org – Gasförderung im niedersächsischen Wattenmeer
  24. Das Erste – Niederlande: Die Erde bebt
  25. Wattenrat – Erdgas Exploration lässt Deich absacken

Alle Links geprüft am 18.3.2018